Current exhibition

Volatile

Group exhibition of photographs and texts
with Patricia Escriche, Laetitia Bischoff,
Karoline Schneider, Laure Gilquin

November 3 - 29, 2018
Thursday - Sunday 4pm - 7pm

Kabinett 25
Wrangelstrasse 25
10997 Berlin

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Last exhibition

Carrefour OFF / Biennale de Dak'art OFF
Group exhibition of photography and drawings

Mai 3 - June 2, 2018

FAAP, Fédération Africaine de l'Art Photographique
with BIND, Images Contemporaines

Centre Culturel Daniel Brottier
Place de l'indépendance, Dakar, Sénégal

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News

Selected as photographer for the workshop Artists@work,
Creativity for Justice and Fairness in Europe.

Artists@work involves 3 countries and 3 artistic languages:
Audiovisual and Comics in Italy, Photography and Audiovisual
in France, Comics and Photography in Bosnia and Herzegovina.

Fondazione Unipolis, as lead partner, Cinemovel Foundation,
Libera, Les Ateliers Varan and Udruzenje Tuzlanska Amica.
The project is co-funded by the Creative Europe Programme
of the European Union

www.artists-work.eu

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Laure Gilquin (geb. 1981 in Paris) arbeitet heute vorrangig in Berlin, doch sie ist Nomadin 
geblieben, rastlose, wahrnehmungsdurstige Grenzgängerin, und so wählt sie ihre Instrumente transportabel, ein Skizzenbuch im Reiseformat und eine Kleinbildkamera. Schon von ihren ersten Reisen kehrt sie mit bildnerischen Notizen zurück, von Plätzen, Straßen, Architekturen, Menschen, Pflanzen, mit farbigen Aquarellen und schwarzen Filzstift-Grafiken, zuweilen an Holzschnitte 
des Expressionismus erinnernd. Seltener sind es Panoramen, häufiger Details, verworrene Elektroleitungen etwa, Hinterhofecken, Überreste einer Siesta, und immer wieder: langgestreckte Schatten.

Dann entdeckt sie für sich das Fotografieren, und sie beschränkt sich auf analoges Schwarz-weiß-Material. Eine rigorose Entscheidung. Die Digitalisierung der Fotografie – in logischer Entsprechung zum ökonomischen Effizienzdiktat – kennt nur positive Resultate. Das analoge Verfahren geht 

einen Umweg, taucht ab in ein vorläufiges Negativ. Erst dessen Umkehrung mit allen Möglichkeiten der erneuten physikalischen Intervention führt zum endgültigen Exponat. Es ist ein selbstbestimmtes Arbeiten mit sinnlich greifbarem Material, mit Körnungs- und Kontrastnuancen, 
die eine Digitalkamera so nicht leisten würde.

Aus Dakar bringt sie ihre erste fotografische Werkreihe mit („Dox Rekk / Just walking“, 2014), 

aus Chiapas, Mexico („Fireworks and zones of grey“, 2017) die zweite. Es sind atmosphärisch dichte, spannungsgeladene Bilder. Ungewissheiten, die keine weitere Erklärung verhandeln. Wenn Menschen zu sehen sind, dann in Bewegung, in verwischter Unschärfe, Schemen, Silhouetten, keine Individuen, keine Portraits. Wenn diese sporadisch scharf gezeichnet werden, dann, weil sie sich bereits entfernen. Anonyme Stellvertreter sind sie, man sieht sie nur von hinten wie jene fünf Hühner in einem Sperrmüllverschlag oder die von ihrem Schatten gedoppelte Katze, die sich ein letztes Mal 
umschaut. Figuranten eines abgesagten Auftritts.

Die Berliner Serie („Paradise is everywhere“, 2009 - 2017) knüpft an diese Arbeiten an. Wieder werden extreme Lichtkontraste ergründet, Grautöne sind eher selten. Die meisten Aufnahmen entstehen nachts, wenn konzentrische Lichtquellen das umgebende Dunkel zum Bühnenraum 

werden lassen, zum Black Cube des Theaters. Man denkt an den Schauerroman des 19. Jahrhunderts, das Pathos des Expressionismus, an Murnaus Stummfilmkulissen, an Stimmungen des Film Noir 
und die Techniken der Low-Key-Fotografie. Augenfällig ist jedoch, dass hier kein Set eingerichtet, keine Inszenierung vorgenommen wurde, die Suggestion ist kontextlos. Sie bewirkt eine szenische Erwartung, die ebenso eindringlich erzeugt wie niemals eingelöst wird. Etwas ist geschehen 
oder wird geschehen, die Spurenlese des Betrachters bleibt ergebnislos.

Kaum ein Motiv, das eindeutig zu verorten wäre, einige gar, die sich nur schwer noch identifizieren lassen. Da wird mit halb abstrakten Materialitäts- und Maßstabsirritationen gespielt, in vorbedachter Informationsverknappung, die das Objekt seiner Objektivität entreißt: eine Schutthalde, die auch 

ein Alpenmassiv sein könnte, ein Baumfuß wie verschlungenes Gekröse und Häuserfronten, 
die ebenso gut aus Pappe sein könnten. Dem stellt die Künstlerin das allem Anschein nach Vertraute gegenüber und befragt den klassischen Antagonismus von Menschengemachtem und Natur: 
über einer Brandmauer den umwölkten Halbmond, in einem kahlen Abstellraum den Sonnenstrahl, vor einem Plattenbau den Vogelschwarm, neben einem leeren Bildschirm den fernen Berg im Fensterausschnitt.

Es scheint naheliegend, den Schwerpunkt der Arbeiten als postromantisch zu verbuchen. 

Verleitet durch inhaltliche Fokussierung und souverän praktiziertes Handwerk ist man geneigt, 
sie kunstgeschichtlich einzuordnen. Doch man sollte sich nicht täuschen. Anspielungen sind nicht 
die Sache selbst, die für eine unbestreitbar zeitgenössische Position steht. Laure Gilquin thematisiert ein Ungleichgewicht ohne Bezugspunkt, ohne Horizont. Sie verweist auf eine Erosion, die in den Verlust jedweder Orientierung mündet, auch in den der denkbar letzten, metaphysischen. 
Eine vorgebliche Rückbesinnung ist da nicht mehr möglich. Zufällige Ereignisse, flüchtige Zustände, die keine mehr sind, außer in der fotografischen Erinnerung, dass es sie gegeben haben könnte. Realität als Fiktion. Wahrnehmung, die Bild geworden ist.

Prof. Werner Knoedgen